Der Volksmusikant

In Vietnam ist Trong Hieu Nguyen ein Superstar. In Deutschland erhält er vor allem Absagen. Trotzdem versucht er seit Jahren, auch hier berühmt zu werden. Warum?

ZEIT ONLINE, 09.04.2023

Wieder hat es nicht geklappt. Im Erdgeschoss wird das Konfetti zusammengefegt. In der zweiten Etage stoßen die Künstler, Kameraleute und auch die Damen von der Kantine miteinander an. Trong sitzt da, starrt auf sein Handy, das Video seines Auftritts läuft. Wenn er gewonnen hätte, wäre er in Deutschland geblieben. Interviews hätten gewartet, Auftritte im Radio und im Fernsehen, Vorbereitungen für die große Show. Unser Lied für Liverpool wäre seins gewesen, und er: unser Trong. Der deutsche Kandidat für den 67. Eurovision Song Contest. Aber stattdessen fliegt er in wenigen Tagen zurück nach Vietnam.

Wenn er im 9.000 Kilometer entfernten Hanoi landet, wartet eine andere Welt auf ihn. Eine, in der er längst ein Star ist. Dort ist er Trong Hieu, der Gewinner der Castingshow Vietnam Idol. Er singt und tanzt vor 50.000 Menschen, arbeitet als Botschafter für Marken wie Pepsi und Unicef und ist regelmäßig auf den Titelseiten vietnamesischer Modemagazine zu sehen. Dort hat er erreicht, wovon viele träumen: Er ist im ganzen Land berühmt. Teenager kreischen seinen Namen. Er verdient Geld mit seiner Kunst.

Er hat dort all das, was ihm in Deutschland bis jetzt verwehrt geblieben ist. Erfolg, den er so gerne hätte, dass er dafür sein Glitzerleben in Vietnam zurückstellt, um hier noch mal bei null anzufangen. Er singt auf der Straße und im Berliner Mauerpark, sitzt im Lokalfernsehen und versucht es zum Eurovision Song Contest zu schaffen. Diese Bewerbung ist seine sechste.

Zwei Tage bevor sich entscheidet, wer der deutsche Kandidat für den diesjährigen Eurovision Song Contest wird, betritt Trong Hieu Nguyen die Maske. Harter Filzteppich, Theaterspiegel an den Wänden, die Sonne steht tief und knallt in den Raum. Er umarmt jede Visagistin und stellt sich jeder einzeln vor: Trong, gesprochen wie geschrieben, alle nennen ihn so. Deswegen wird er auch in diesem Text so genannt, auch wenn das mit seinem Namen komplizierter ist.

Er setzt sich. Vor ihm liegen Lidschatten in allen Farben, Pinsel in allen Formen und gelbe Sprühdosen. Vom eigentlich geplanten Make-up hat die Visagistin abgeraten: Roter Lidschatten lasse ihn krank aussehen. Also ein neuer Look. Die Visagistin fragt Trong und der fragt seine Managerin Linh, die extra aus Vietnam hergeflogen ist. Pink? Ja! Glitzer? Sehr gut.

Der Vorentscheid, der in diesem Jahr das Lied für Liverpool sucht, findet im Coloneum in Köln statt. Ein gigantischer Hallenkomplex aus 23 Fernsehstudios am nordwestlichen Stadtrand, das ganze Fernsehen auf 27.000 Quadratmetern. Während die Eurovision-Aspiranten proben, fahren Bühnenbauer halbierte Discokugeln in das Let’s-Dance -Studio, die ZDFneo-Show Studio Schmitt wird aufgezeichnet und Hunderte Zuschauer warten im Foyer auf den Einlass zu Grill den Henssler . In zwei Tagen wird Trong als erster Kandidat vor das Studiopublikum und die knapp zwei Millionen Fernsehzuschauer und -zuschauerinnen treten, nervös macht ihn das noch nicht. Er ist große Bühnen gewohnt, nur so viele und durchgetaktete Proben sind ihm neu.

„Willkommen in Deutschland“, sagt die Visagistin. „Wobei – du bist doch Deutscher, oder?“

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