Nicht schon wieder

Wenn er das nochmal macht, sagte ihre Schwester, dann musst du die Polizei rufen. Ronja Schmitt rief zweimal an, aber nicht wegen desselben Mannes.
von Christopher Bonnen & Julia Kopatzki

VICE, 15.06.2020
Die Recherche wurde vom Verein für Recherche und Reportage e.V. der Brost Stiftung gefördert.

Man könnte sagen, es begann mit einem Zettel in ihrem Briefkasten, doch eigentlich hat es schon viel früher angefangen. Auf dem Zettel steht eine Handynummer, der Name ihres Nachbars und ob sie nicht etwas von den Kindersachen haben möchte, die sein Kind nicht mehr braucht. Für ihre Kinder. Sie hat ihn vorher schon ein paar Mal gesehen. Sie wohnen im selben Mehrfamilienhaus. Manchmal sitzt er am Fenster, wenn sie mit den Mädchen morgens zum Bäcker geht. Freundlich-distanzierte Großstadtnachbarschaft. Bis er ihr einige Monate nach ihrem Einzug diesen Zettel in den Briefkasten steckt. Er sei jetzt erstmal auf Geschäftsreise, schreibt er auch. Sie schickt ihm eine Nachricht, um sich zu bedanken. Sie schreiben viel in diesen Wochen.

Er stellt viele Fragen, ist aufmerksam und interessiert. Immer, wenn das Gespräch versanden könnte, hat er eine neue Frage. Eigentlich ist sie hierhergezogen, um endlich Ruhe zu haben. Ein Zuhause für sich und ihre Töchter, bald ein und zwei Jahre alt. Ein Neustart. Und jetzt ist da dieser Mann, der sich für sie interessiert. Ein paar Jahre älter, attraktiv, erfolgreich und dann kümmert er sich auch noch um seine kleine Tochter, die bei ihm lebt. Er ist so anders als der Vater ihrer Kinder.

Ronja hat Fabian auf der Arbeit kennengelernt. Sie haben beide in einem Krankenhaus gearbeitet. Es ist 2015 als sie sich kennenlernen, er ist Ende 20, sie ist Mitte 20. Sie sind noch kein Jahr ein Paar, als Ronja schwanger wird. Sie ziehen zusammen. „Ich habe gedacht, wir kriegen jetzt ein Kind, wir leben zusammen, wir bauen uns ein Zuhause auf“, erzählt Ronja heute. Doch nach der Arbeit zündet er sich einen Joint an und setzt sich vor den Computer oder fährt wieder los zu seinen Freunden. Sie streiten. Sie will, dass er Verantwortung übernimmt, er will seine Ruhe. Sie soll nicht in seiner Nähe sein, soll gar nicht da sein. Manchmal sitzt sie weinend im Schlafzimmer, manchmal schläft sie hochschwanger bei ihren Eltern auf der Couch.

Jede vierte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. 140.000 Opfer von Partnerschaftsgewalt verzeichnete das Bundeskriminalamt 2018, jedes Jahr steigt die Zahl. Normalerweise verschwinden ihre Geschichten in der Statistik. Doch in diesem Text erzählen wir eine davon, die Geschichte von Ronja Schmitt. Wir haben mehrfach mit ihr und Familienmitgliedern gesprochen. Alle Namen in diesem Text sind zum Schutz der Protagonistin und ihrer Kinder verändert. Dokumente von Krankenhaus und Polizei liegen uns vor.

Ronja Schmitt ist eine zierliche Frau mit langen Haaren. Sie wirkt erwachsen und mädchenhaft zugleich, als sie heute in ihrem Wohnzimmer sitzt und beginnt, zu erzählen:

Ende 2016 wird ihre Tochter geboren. Fabian entschuldigt sich für die Streits, für das Desinteresse. Jetzt soll alles anders werden. Doch wenn das Kind weint, streiten sie wieder. Wenn sie fordert, dass er sich mehr für seine erste Tochter interessiert, streiten sie. Wenn ein Streit besonders schlimm wird, dann konnte sie ihm das ansehen. „Er wurde rot im Gesicht und die Augen traten hervor“, erzählt sie. Ihre gemeinsame Tochter Mia ist gerade zwei Wochen alt, als Fabian Ronja gegen die Stirn schlägt, während sie den Säugling auf dem Arm hält.

Sie sagt: „Ich hatte Angst. Vor ihm. Angst um mein Kind. Jetzt ist dieser kleine Mensch auf der Welt und ich kriege es nicht gebacken, ihr ein sicheres Zuhause zu geben.“

Ronja ruft eine Freundin an, erzählt was ist passiert ist. Ihre Freundin will sie und das Kind abholen, Ronja will bleiben. Nicht noch mehr Stress für das Kind. Sie erzählt ihrer Schwester davon. Wenn er das nochmal macht, sagt die Schwester, dann musst du die Polizei rufen.

Sie ziehen in ein Haus am Stadtrand. Wenig später hält Ronja einen weiteren positiven Schwangerschaftstest in der Hand, da ist sie schon zehn Wochen schwanger. Fabian wirft ihr vor, sie habe es zu spät gemerkt. Sie streiten immer mehr.

Fass mich an und ich rufe die Polizei, sagt sie zu ihm. Er schubst sie. Sie ruft die Polizei.

Sie nimmt das Baby und schließt die Schlafzimmertür hinter sich. Die Beamten kommen schnell. Sie hören sich an, was passiert ist, sprechen mit ihm, sprechen mit ihr. Dann verweisen sie Fabian für zehn Tage aus der Wohnung.

„Das war schwer. Weil ich ihn zehn Tage nicht gesehen habe. Weil die Familie auseinandergerissen war.“

Als Fabian zurückkommt, macht er ihr Vorwürfe. Sie hätte die Polizei nicht rufen dürfen, sie habe ihm doch nur eins reinwürgen wollen, sie habe die Familie zerrissen. „Das hat mehr weh getan als alles andere“, sagt sie.

Familie bedeutet für Ronja Zusammenhalt. Ihre Eltern haben ein kleines Familienunternehmen, sie und ihre Geschwister waren überall dabei. Sie lebten eng zusammen, Einheit statt einzeln. Als Ronja vier Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Sie fanden wieder zusammen. Bis heute. Warum soll das bei ihr nicht auch funktionieren?

Als ihre zweite Tochter Maja auf die Welt kommt, ist er viel weg, sie kümmert sich um alles. Er zahlt die Hälfte der Miete, alles andere bezahlt sie. Im Flur gibt es kein Licht, im Dunkeln tappst sie nachts in die Küche um Maja eine Flasche zu machen. Ihr Vater kommt, um die Lampe aufzuhängen. Mal schläft Fabian auf der Couch, weil die Kinder ihm zu laut sind, mal kommt er gar nicht nach Hause. Sucht sie Nähe, weist er sie zurück. Bittet sie um Hilfe, gibt er ihr das Gefühl, überfordert zu sein. Wenn sie streiten, beschimpft er sie, demütigt sie. Sie glaubt ihm, wenn er sagt, sie sei das Problem. Denn wenn sie das Problem ist, kann sie etwas ändern.

„Bevor ich Kinder hatte, dachte ich: Wie kann man so dumm sein und das mit sich machen lassen? Wenn du Kinder hast, machst du alles mit.“

Du bist nur eine gute Mutter, wenn du auch glücklich bist, sagt ihre Schwester zu ihr. Je älter die Kinder werden, desto mehr bekommen sie mit, wie es zwischen ihren Eltern läuft, dass sie manchmal hastig zu den Großeltern fahren. Ronja bittet Fabian auszuziehen, um den Kindern den Umzug zu ersparen. Warum soll ich ausziehen, fragt er. Er habe doch alles: sie mache sauber und er sehe seine Kinder. Also sucht sie eine Wohnung. Als sie mit ihren Töchtern auszieht, weint Fabian.

„Ich hatte keinen Trennungsschmerz“, sagt sie. „Anders als bei der Wegweisung. Jetzt war da nur ein Gefühl der Befreiung.“ Sie lässt los, was sie zwei Jahre fest umklammert hat. Ronja ist jetzt 29 Jahre alt, hat zwei Kinder, einen Säugling und ein noch nicht mal zwei Jahre altes Kind – und keinen Partner. Früher wollte sie träumte sie von einem Beruf, in dem sie viel unterwegs ist, jetzt versucht sie es mit einem Fernstudium, doch die Kinder brauchen sie zu sehr. Sie fühlt sich alleine.

Ihr Nachbar Oliver ist ganz anders als Fabian. Ein Macher, der sein eigenes Unternehmen aufgebaut hat. Ein Vater, der sich um seine Tochter kümmert. Ein Mann, der sich für sie interessiert. Trotzdem ist ihr seine Aufmerksamkeit zu viel. Will sie das schon? Als er von der Dienstreise zurückkommt, begrüßt er sie überschwänglich aus dem Fenster heraus. Sie zieht sich zurück. Kein Parken auf seinem Parkplatz, keine Nachrichten mehr. „Ich habe mich bedrängt gefühlt. Mein Bauchgefühl hat gesagt: Das passt nicht.“

Oliver bekommt mit, dass sie Hilfe in der Wohnung braucht. Nach einiger Zeit ohne Kontakt schreibt er ihr eine Nachricht und bietet ihr an, sich darum zu kümmern. „Das war sehr nett von ihm.“ Wo er schon mal da ist, hilft er ihr noch mit einem Möbelstück – und geht einfach nicht mehr. Sie will nicht unhöflich sein. Er bietet ihr nochmal die Sachen an, die er nicht mehr braucht. Als beide abends in ihren Betten liegen, schreiben sie sich wieder Nachrichten.

Gewalt in der Partnerschaft. Foto: Anemone123/pixabay.comEr könne sich mit ihr mehr vorstellen, sagt er. Lässt nicht locker. Macht ihr Komplimente. Sie fühlt sich bedrängt und traut sich selbst nicht mehr: Reagiere ich über? Weiß ich vielleicht nicht mehr, wie es sich anfühlt, umworben zu werden? Die Angst: Alleinerziehend mit 29, eine schlimme Beziehung im Rucksack, wer will dich noch? Ein bisschen Hoffnung: Vielleicht bin ich es ja doch wert.

Für Ronja ist Oliver die Chance, dass alles gut wird. Vater, Mutter, Kinder. Er bemüht sich um ihre Kinder, sie sollen Papa zu ihm sagen. Ihre Kinder, sein Kind, sie könnten doch eine tolle Patchworkfamilie sein. Sie gibt nach. „Ich dachte: Stell dich nicht so an, der scheint dich wirklich zu mögen. Vielleicht ist er ja nicht so schlecht.“

Nach einem Monat bittet er sie einzuziehen. Er will ihr eine Ecke in seinem Büro einrichten, damit sie für ihr Studium lernen kann. Er will ihr die Kinder abnehmen. Zusammen wäre es leichter. Ihr geht das zu schnell, er schickt ihr Rosen. „Ich war emotional ausgehungert“ sagt sie. „Und es ist scheißanstrengend mit zwei kleinen Kindern, die so nah beieinander sind.“ Sie gibt nach.Sie bringt nur das Babybett und ein paar Klamotten zu ihm. Ihre Wohnung behält sie, ihre Möbel bleiben dort. Er habe doch schöne Möbel, bessere. Eine Wohnung wie aus dem Katalog, so sauber, als würde hier niemand wohnen. Als sie ihre Kleidung in seinen Schrank räumt, auf die Seite, die der Mutter seiner Tochter gehörte, fühlt es sich an, als stülpe sie sich ein fremdes Leben über.

„Irgendwann saß ich am Tisch und habe mich gefragt, was ich hier eigentlich mache.“ Er ist auf Geschäftsreise, als sie ihre Sachen in Tüten packt, die Kinder nimmt und zurück in ihre Wohnung geht. Sie schreibt, dass sie das nicht kann, dass es zu schnell geht und sie überfordert. „Ich saß in meiner Wohnung, halb eingerichtet, inmitten der Tüten und habe mich sicher gefühlt. Ein wehmütiges Gefühl, wie Heimweh.“

Er schreibt ihr, dass sie das nicht machen könne. Dass sie ihm damit etwas Furchtbares antue. Dass sie sich nicht wundern brauche, wenn sie für immer allein bleibt. Sie nimmt die Tüten und bringt alles wieder zu ihm.

„Ich hätte oben bleiben sollen. Ich hätte mein Handy ausmachen sollen.“ Als Ronja das erzählt, laufen ihr Tränen über die Wangen. Sie schweigt kurz, schluckt und erzählt dann weiter.

Als er nach Hause kommt, ist er aufgelöst. Ob sie denn nicht wisse, was sie damit auch ihren Kindern antue. Die Kinder, die Papa zu ihm sagen. Sie sei das Problem. Sie kündigt ihre Wohnung, er kümmert sich um den Verkauf ihrer Möbel. Die Möbel, die sie vor einem halben Jahr für ihr neues Leben gekauft hat, der alte Schrank ihres Opas. Von dem Geld kaufen sie ihr einen Schreibtisch für sein Büro. Als sie ihn nach dem restlichen Geld fragt, sagt er, sie brauche es doch gerade nicht. Wenn sie etwas will, soll sie ihn fragen.

Ihre Familie ist froh, dass da endlich jemand ist. Jemand, der die Kinder annimmt, eine Vaterfigur mit gutem Job und schöner Wohnung, alle fanden Oliver toll. Verkack’s nicht mit dem, sagen sie ihr.

Er sagt ihr, dass er eine andere Haarfarbe schöner findet. Sie färbt sich die Haare. Und wie sie sich immer anziehe, diese dunklen Farben, wie eine Depression. Sie kauft sich einen bunten Pullover. Er will, dass sie sich die Spirale einsetzen lässt, sonst schlafe er nicht mit ihr. Sie macht es, verträgt die Hormone nicht, bekommt Hormone gegen die Hormone. „Ich habe mir gedacht, das bist du nicht. Das ist nicht dein Leben, das ist nicht dein Zuhause, das sind nicht deine Haare.“

Doch was zählt sie selbst, wenn sie eine Familie sind? Einheit statt einzeln.

Er nimmt sich ihr Handy, öffnet ungefragt ihren Laptop. Manchmal steht er plötzlich im Türrahmen und sie weiß nicht, wie lange schon. Er beobachtet sie, während sie die Wäsche macht. Wiegt ab, was in die Maschine kommt. Er prüft, ob zu viel Wasser im Topf mit den Kartoffeln ist. 120 Quadratmeter und 3 kleine Kinder, Ronja soll dafür sorgen, dass alles glänzt. Kritisiert sie ihn oder widerspricht, sagt er, ihr Einzug war ein Fehler. Aus den gemeinsamen Kindern werden wieder seine Tochter und ihre Kinder.

Sie macht die Wäsche, als sie es aus dem Nebenzimmer kreischen hört. Seine Tochter hat ihrer Tochter das Spielzeug weggenommen, er sitzt daneben und tut nichts. Sie geht mit ihrer Tochter in die Küche. Ronja spült die Flasche vom Baby, als Oliver hinterherkommt und den letzten Schokopudding aus dem Kühlschrank nehmen will. Für seine Tochter.

Gib ihr doch etwas, das wir durch drei teilen können. Es sind drei Kinder, sagt sie. Meine Tochter will einen Pudding, also kriegt sie den jetzt, sagt er. Das kannst du nicht machen. Das geht so nicht, sagt sie.

Sie schmeißt die Flasche in die Spüle. Oliver kommt auf Ronja zu, packt sie am Hals. Er würgt sie. Ihre Tochter steht daneben. Ronja versucht sich zu wehren, streckt die Hand aus, kratzt ihn am Hals. Er lässt ab. Und geht.

„Mein erster Gedanke war: Nicht schon wieder. Warum schon wieder? Was habe ich falsch gemacht, dass mir das jetzt wieder passiert, dass ein Mann so mit mir umgeht?“

Oliver kommt zurück in die Küche und sagt, er habe ein Foto von den Kratzern gemacht. Ruf die Polizei, dann sage ich, du hast mich angegriffen. Sie ruft ihren Bruder und seine Freundin an. Ihr müsst kommen und euch um die Kinder kümmern, habe sie nur gesagt.

Als sie klingeln, öffnet er die Tür und sagt: Ronja zieht hier wieder aus. Die benimmt sich nicht ordentlich. Er hat mich gewürgt, sagt sie. Was erzählst du denn, sagt er. Das denkst du dir doch aus. Auch ihr Bruder erinnert sich an die Situation. „Das war schon komisch“, sagt er. „Vorher wirkte er immer so perfekt.“

Sie schickt ihren Bruder zu den Kindern. Dann sind sie zu zweit im Wohnzimmer. Er leugnet weiter. „In dem Moment zweifelst du an dir selber. Du denkst, scheiße, in was für eine Situation hast du dich hier gerade reinmanövriert? Was hast du deinen Kindern angetan? Wir haben keine Wohnung, wir haben keine Möbel, wir haben kein Geld.“

Sie entschuldigt sich. Er sagt, sie habe alles kaputt gemacht. Er wolle sie nicht mehr sehen, sie solle ausziehen. Sie kann doch nirgends hin. Sie will nicht zu ihren Eltern, will nicht zugeben, dass es schon wieder passiert ist.

An die Wochen danach erinnert sich Ronja nur noch verschwommen. Sie erinnert sich an Kontrolle und Druck. Daran, dass sie das Problem gewesen sein soll. Vorwürfe. Drohungen. Sie wird leise, gibt ihre Abwehr auf, lässt geschehen. Er schläft bei seiner Tochter, sie mit ihren im Schlafzimmer. Wenn ihre große Tochter ihn sieht, beginnt sie zu weinen. Sie sucht nach einer Wohnung, nur Absagen. Er hilft ihr, Möbel zusammen zu sammeln, die sie bei ihrer Oma in den Keller stellt. Sie hört auf, Miete zu zahlen, damit sie die Möbel bezahlen kann. Er bedroht sie auf Whatsapp, zu Hause läuft er pfeifend durch die Wohnung, als wäre nichts gewesen. Er sucht ihre Nähe. Sie wehrt sich nicht.

Es ist Mitte April, als sie ihren Vater anruft: Ich kann nicht mehr. Bitte komm morgen früh, wir müssen hier raus. Ich ziehe zu euch. „Ich hatte nur noch Angst. Ich hatte so Angst um meine Kinder.“

Ihr Vater kommt mit zwei Kollegen am frühen Morgen. Wir ziehen aus, sagt sie zu Oliver. Er bringt seine Tochter in die Kita, dann hilft er mit, ihre Sachen aus der Wohnung zu tragen. Das ist das letzte Dreckspack, das kommt mir nicht in die Wohnung, sagt er und meint ihren Vater mit seinen Kollegen. Sie will ihren Schreibtisch mitnehmen. Der Schreibtisch, an dem sie mal etwas für sich tun konnte. Er will den Schreibtisch behalten, als Ausgleich für die fehlende Miete im letzten Monat.

Sie sagt: Fick dich. Und zerrt an dem schweren Schreibtisch, versucht ihn aus dem Zimmer zu schieben. Er hebt die Hand. Sie sagt: Fass mich an und ich schreie los. Oliver packt Ronja im Nacken und will sie wegstoßen. Sie schreit. Oliver greift sich einen Stuhl und schmettert ihn Ronja gegen die Beine.

Ihr Vater hört sie schreien, sieht noch wie Oliver den Stuhl greift. Er stürmt ins Büro und packt Oliver am Kragen.

„Und dann hat mein Vater ihn vermöbelt“, sagt Ronja. „Was hätten Sie denn getan“, sagt der Vater.

Oliver liegt auf dem Boden, die Fäuste vor dem Gesicht. Er versucht ihrem Vater ins Bein zu beißen. Ihre große Tochter, zweieinhalb Jahre alt, kommt ins Zimmer. Sie bringt ihre Tochter raus und ruft die Polizei.

Als sie ins Büro zurückkommt, ist es ruhig. Sie sagt, sie nehme jetzt ihren Schreibtisch mit. Oliver stellt sich ihr in den Weg. Sie windet sich an ihm vorbei, greift sich den Schraubenzieher auf dem Boden und zerkratzt den Schreibtisch. „Ich habe meine ganze Wut, meine ganze Energie, ich habe alles an diesem Schreibtisch ausgelassen. Meinen ganzen Schmerz, meine ganze Demütigung.“

Die sechs männlichen Polizisten sehen Ronja mit ihrer Familie. Auch die Mutter ist inzwischen da. Und sie sehen Oliver, blutüberströmt, allein. Sie nehmen eine Anzeige wegen Sachbeschädigung auf, eine wegen Körperverletzung durch den Vater. Ronja gibt zu Protokoll, dass Oliver sie mit einem Stuhl angegriffen hat. Er streitet das ab. Sie erzählt vom Würgen. Der Beamte fragt, warum sie das nicht angezeigt habe. Sie sagt, dass sie Angst hatte, dass er sie bedroht habe.

Die Polizisten fragen, ob sie eine Wegweisung veranlassen sollen. Ronja sagt, das mache keinen Sinn, sie ziehe gerade aus. Die Beamten beaufsichtigen den Umzug, bis sie alle ihre Sachen aus der Wohnung geholt hat. Der Schreibtisch bleibt dort.

Am Tag nach ihrem Auszug geht Ronja in eine rechtsmedizinische Ambulanz. Dort können Opfer von Gewalt ihre Verletzungen dokumentieren lassen. Diese Dokumentation ist ein Beweis vor Gericht, auch, wenn sich Opfer erst viel später zu einer Anzeige entscheiden. Dann, wenn alles Sichtbare verheilt ist. Sie schämt sich, dort anzurufen. Als sie mit ihren beiden Töchtern und einer Freundin dort ankommt, die Spielecke sieht, und dass dort nur Frauen arbeiten, fühlt sie sich aufgefangen.

Die Gerichtsmedizinerin setzt sich mit ihr an den Tisch, schreibt mit, was Ronja erzählt. Schrittweise soll sie die Verletzungen zeigen, die blauen Flecken an den Knien, kleine Kratzer an den Armen. Die Gerichtsmedizinerin untersucht den ganzen Körper, sie misst die Länge und Breite der blauen Flecken, fotografiert jede Schwellung. Sie dokumentiert neun Verletzungen. Eine Woche später holt Ronja einen Umschlag mit den Fotos und einem Protokoll ihrer Schilderungen ab. Sie entscheidet selbst, was damit passieren wird.

Sie geht zum Opferschutz. Dort gibt es kostenlose Rechtsberatung, Therapeuten und Sozialarbeiter. Bei ihrem Termin erfährt sie, dass ihre Anzeige gegen Oliver nicht aufgenommen wurde, seine wegen Sachbeschädigung aber schon. Sie erzählt, dass die Beamten ihr gesagt haben, sie sei selbst schuld, wenn sie ihn nicht vorher angezeigt habe, dass einer sie im Ton zurechtgewiesen hat, dass sie sich im Stich gelassen gefühlt hat. Die Frau vom Opferschutz rät ihr zu einer Dienstbeschwerde, sie ruft in Ronjas Namen dort an. Der Beamte am anderen Ende sagt: Eine Dienstbeschwerde können wir aufnehmen, aber da wird nichts passieren.

„Dann habe ich es gelassen. Wofür auch?“

Trotzdem lässt sie die Anzeige wegen häuslicher Gewalt aufnehmen. Dieses Mal wirklich. Den Umschlag behält sie für sich. „Ich stehe da in Unterwäsche. Ich sehe aus wie ein Häufchen Elend. Ich hatte die Knie, die Oberschenkel komplett blau. Man schämt sich.“ Sie und die Kinder schlafen bei ihren Eltern.

„Ich hatte kein Bestreben nach Gerechtigkeit, ich hatte nur Bestreben nach Ruhe.“

Sie findet eine Wohnung, 30 Absagen hat sie vorher bekommen. Zwei Zimmer im Neubaugebiet, nur noch sie und ihre Töchter. Pizza auf dem Sofa, Kakao im Bett, ihre Regeln. Ihre große Tochter hat sie kurz nach dem Auszug gefragt, ob Oliver ihr weh getan hat. Ja, sagt Ronja, aber Opa hat uns beschützt und jetzt ist alles gut.

Vor einigen Wochen kam ein Brief von der Amtsanwaltschaft. Das Verfahren gegen Oliver wurde eingestellt.

Ronja hat daraufhin den Umschlag mit den Fotos ihrer Verletzungen zu ihrem Anwalt geschickt.