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Für so viele Personen gibt es Platz in den letzten öffentlichen Schutzräumen in Deutschland. Seit dem Ukraine-Krieg wollen immer mehr Menschen einen Privatbunker kaufen.

ZEIT ONLINE, Ressort X, 14.07.2022

Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angreift, klingeln im Souterrain Am Kupfergraben 6 in Berlin die Telefone. Zwei Tage später ist eine Hotline eingerichtet, die auf sechs Apparate leitet, von 8 bis 22 Uhr, an sieben Tagen in der Woche. Pro Telefon und Stunde werden in den nächsten Wochen ungefähr zehn Anrufe eingehen, beinahe 1.000 Anrufe am Tag.

„Bunker bauen“, „Bunker kaufen“, „Bunker wo“. „Schutzraum“, „Panzergarage“, „atomsicher“. Wer sich um seine Sicherheit sorgt und dann zu googeln beginnt, der findet ganz oben die Website der Firma BSSD. „Jetzt Seminar buchen und erfahren, wie Sie sich und Ihre Lieben schützen können“ steht da, dazu ein Bild eines Kessels, aus dem glühender Stahl gegossen wird. BSSD steht für Bunker Schutzraum Systeme Deutschland und ist die Firma von Mario und Katrin Piejde. Es ist die einzige in Deutschland, die Bunker für Privatpersonen baut. Oder wie Mario Piejde sagt: „Ziviler Schutzraum, nach militärischem Standard geschützt.“

Vor einem orangefarbenen Altbau auf der Berliner Museumsinsel parkt wie immer ein Polizeiauto. Eines der oberen Stockwerke bewohnt Angela Merkel. Gegenüber wird das Pergamonmuseum saniert. Ein paar Meter neben dem großen Eingang gibt es noch eine kleinere, walnussfarbene Tür. Daneben steht ein vertrockneter Olivenbaum, nur ein kleines Schild weist darauf hin, was sich im Souterrain befindet: das Büro der Firma BSSD. Es gibt keine Klingel, man muss fest klopfen. Mario Piejde öffnet die Tür.

Fünf Stufen führen ins Kellergewölbe, die Garderobe hat die Form eines Maschinengewehrs, an den Wänden hängt abstrakte Kunst. Mario Piejde grüßt, der Familienhund Ottilie jault, um die Ecke telefoniert seine Frau Katrin Piejde. Ein zweites Telefon klingelt. „So geht das seit sechs Wochen“, sagt Mario Piejde. Fast zwei Meter groß, Berliner Dialekt, sehr fester Händedruck. „Völlig panisch, die Leute.“ Seit Kriegsbeginn melden sich hier täglich Menschen, die einen privaten Bunker wollen.

Corona bewies, dass dieses Land nicht gut auf eine Pandemie vorbereitet war. Ein kaputtgespartes Gesundheitssystem, kaum Schutzkleidung, kein Maskenvorrat. Jetzt legt der Krieg in der Ukraine offen, woran es außerdem in Deutschland mangelt: an vernünftiger Ausstattung der Bundeswehr, Alternativen zu russischem Gas und der Vorstellungskraft, dass vielleicht nicht ewig Frieden in Europa sein würde.

Mit dem Krieg kommen neue Fragen: Wie gut ist der Staat vorbereitet? Wie gut bin ich es selbst? Und worauf eigentlich?

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen führt nach Rheda-Wiedenbrück in einen alten Nazibunker, zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und in den Keller von Angela Merkels Berliner Wohnhaus.

Aber zunächst beginnt sie mit einer Zahl: 487.598.

Für so viele Menschen gäbe es Platz in den verbliebenen öffentlichen Schutzräumen in Deutschland. Das ist weniger, als Duisburg Einwohner hat. 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. 599 Schutzräume seien noch in staatlichem Besitz, meldete das Innenministerium Ende März. Das Ministerium überprüft gerade „den Status ihrer noch verbliebenden Schutzwirkung“, teilt es auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit.