Bademoden? Abgeschafft!

60 Jahre lang kürte Horst Klemmer aus Oldenburg die Miss Germany. Jetzt will sein Enkel alles anders machen. Aber funktioniert das: Ein Schönheitswettbewerb, bei dem es nicht um Schönheit geht?

DIE ZEIT, Ressort Z, 13.02.2020

»Max, soll ich mir einen Bob mit Pony schneiden lassen?«

»Willst du das denn?«

»Ich wollte wissen, ob es für euch okay ist.«

»Wir sind egal«, sagt Max Klemmer.

Eine Stunde später trägt Greta Barthel, die amtierende Miss Thüringen, einen Bob mit Pony.

Es ist der zweite Tag im »Personality Camp« 2020. Eine Stunde von Hurghada entfernt, in einem ägyptischen Fünf-Sterne-Resort, wollen 16 Frauen die neue Miss Germany werden.

Greta Barthel steht am Rande des hoteleigenen Golfplatzes. Im Hintergrund das Rote Meer, die Kamera des Fotografen klickt. Max Klemmer trägt Sonnenbrille, die Miss Thüringen einen weißen Bademantel. Am Abend fragen Max’ Eltern ihn, wer Greta denn erlaubt habe, sich die Haare zu schneiden. »Das musste ihr niemand mehr erlauben«, sagt er. In diesem Camp müssen auch seine Eltern lernen.

Max Klemmer ist Geschäftsführer der Miss Germany Corporation, kurz MGC. Man muss ihn nie lange suchen: Mit seinen zwei Metern fällt er auf. Sein Gesicht verläuft in groben Linien. Wenn er grinst, und er grinst oft, verschwindet die Härte daraus, und man merkt, wie jung er ist. Max Klemmer ist 24 Jahre alt, seit mehr als fünf Jahren kürt er Frauen zur Miss Germany, zusammen mit seinem Vater.

Schönheit hat bei den Klemmers Tradition. Vor 60 Jahren begann Horst Klemmer, der Großvater, als Ansager bei Miss-Wahlen, bis er 1970 die Miss Germany Corporation gründete und so zum Vater aller Missen wurde. In Oldenburg traf er Hildburg, er lud sie ins Theater ein, sie bekamen einen Sohn, Ralf, der 1982 ins Geschäft einstieg. Zehn Jahre später verliebte der sich in die amtierende Miss Germany Ines Kuba, und sie bekamen einen Sohn, Max, der 2014 ins Geschäft einstieg. Vor zwei Jahren übertrug der Großvater dem Enkel seine Anteile.

Der Großvater sagt: »Die Zeit hat sich verändert, und Max hat das als Erster richtig erkannt.«

Der Vater sagt: »Ich weiß nicht, wie es ohne Max wäre, aber es wäre nicht so.«

Und Max sagt: »Opas Baby nach 55 Jahren so umzubauen war echt schwierig.«

Sechs Jahrzehnte lang hat Horst Klemmer Missen gemacht. Und jetzt muss er zusehen, wie sein Enkel seinen Wettbewerb neu erfindet: Bademoden? Abgeschafft. Maximalmaße? Abgeschafft. Altersgrenze 30? Abgeschafft. Eine Miss muss ledig sein und kinderlos? Abgeschafft. Männer in der Jury? Offiziell abgeschafft.

Nicht einmal mehr die Schönheit der Frauen soll bewerten werden. »Wir haben ein neues Motto: Empowering authentic women«, sagt Max Klemmer. Frei übersetzt: Der Wettbewerb, der Generationen von Frauen in eine Form presste, will ihnen jetzt beibringen, diese Form zu sprengen. Feminismus statt Sexismus.

Ernsthaft? 2,5 Millionen Menschen sitzen vor den Fernsehern, wenn Heidi Klum junge Frauen zwingt, abzunehmen oder sich die Haare abzuschneiden, Tausende bewerben sich dort jedes Jahr. Aber die Miss Germany Corporation verkündet: Schönheit ist uns nicht mehr wichtig. Kann ein Wettbewerb, dessen Kern es war, das Äußere von Frauen zu bewerten, sich plötzlich, ja was eigentlich, ihrem Inneren widmen?

1927 kürten berühmte Männer wie Heinrich Mann und Max Schmeling die allererste Miss Germany. Sie bekam Hermelinmantel und Blumenkrone und Hunderte Model-Angebote. 1933 verboten die Nationalsozialisten den Wettbewerb: »jüdisch-bolschewistische Dekadenz«. Sie setzten stattdessen auf Wein- und Heideköniginnen. Noch bevor der erste Bundeskanzler gewählt war, wurde wieder eine Miss Germany gekrönt: Bewertet wurden Brustumfang, Stärke der Unterlippe oder der Abstand von Brust zu Hals. Der perfekte Mund musste damals 6,3 Zentimeter breit sein. Zwei Jahre lang zeigten sich die Frauen im gerade erfundenen Bikini, dann wurde das den Deutschen zu freizügig, und ab 1951 trugen die Missen Badeanzüge.

Bevor Horst Klemmer zum Wettbewerb stieß, hatte er Künstler wie Heinz Erhardt oder Heinz Schenk gemanagt. Sein immer leicht gerötetes Gesicht ist sanft, die Augen eisblau. Er spricht von Frauen als Kleidergrößen: Die meisten sind eine 36 oder 38, selten eine 40. Die Missen nennen ihn Opa, noch heute rufen sie ihn an. Brauchte eine Miss ein Bett, so war im »Hotel Hille und Hotte« immer eines frei. Miss Prenzlauer Berg, Miss Bodensee, Miss Schwarzwald, Miss Köln, Miss Ostdeutschland. Ein ganzes Deutschland voller Missen, handverlesen von Horst und Ralf Klemmer.

Im Jahr 2000 veranstaltete die Firma 300 Wahlen in Einkaufszentren, Diskotheken und Hotels. Lokale Promis saßen in der Jury, die Gewinnerinnen qualifizierten sich zur nächsthöheren Wahl, am Ende wartete der Miss-Germany-Titel. Der erprobte Ablauf vor dem großen Finale: Ines und Ralf Klemmer fahren mit den Anwärterinnen zum Missen-Training in die Sonne, Horst Klemmer zeigt ihnen das Europäische Parlament und erzählt ihnen, warum Europa wichtig ist. Ines Klemmer wurde zur Missen-Mama: Sie trocknet Tränen, bindet Schärpen, blickt mit sanfter Strenge auf die Gabelhaltung der Frauen. Sie ist die ewige, die Über-Miss: Die Kandidatinnen schreiben mit, wenn sie von früher erzählt. Von damals, als sie die erste Miss Germany mit dunklen, kurzen Haaren wurde. Die Haare sind noch kurz und dunkel, das Lächeln immer noch das der 21 Jahre alten Miss.

Doch je mehr Missen gekürt wurden, desto uninteressanter wurde die Wahl. Junge Frauen wollen heute ein Foto von Heidi, eine Rose vom Bachelor oder Follower auf Instagram. Es ist einfacher geworden, die eigene Schönheit zu Ruhm und Geld zu machen.

Für viele Frauen ist eine Miss das Gegenteil von der Frau, die sie sein wollen. Lächeln und winken, Weltfrieden und Haarspray? Sie wollen lieber studieren, promovieren, sich ausprobieren. Für sie ist Schönheit etwas Individuelles, nichts, was eine Jury entscheidet. Und trotzdem: Als Miss Germany 2020 bewarben sich 7500 Frauen. So viele wie lange nicht mehr.

Am ersten Abend des »Personality Camps« in Ägypten stellen sich die 16 Kandidatinnen vor all den Menschen vor, die extra für sie hier sind: ein 60-köpfiges Team aus Fotografen, Kameraleuten, Stylisten und Coaches. Ein Bild  Reporter, der seit Jahren mit in die Camps fährt, wird ihre Vorstellung bewerten, während die Gäste im großen Saal an runden Tischen mit weißen Tischdecken sitzen, Weinschorle oder Gin Tonic trinken.

Eine der ersten ist Leonie von Hase: mit 35 die älteste Miss-Germany-Anwärterin aller Zeiten, Mutter eines Sohnes, Betreiberin eines Vintage-Stores. »Meine Botschaft ist: Du bist niemals zu alt, um deine Richtung zu ändern.« Der Reporter findet, sie könne ruhig etwas bescheidener werden, etwas weniger Selbstbewusstsein zeigen.

Am Ende des Abends wird Max Klemmer zu Leonie sagen, dass das genau das ist, was sie nicht wollen: bescheidene Frauen mit wenig Selbstbewusstsein.

Silke Kopp, die amtierende Miss Hessen, hat mehrere Pflegeunternehmen und lässt gerade eine Software entwickeln, die »die Pflegeausbildung revolutionieren« soll. »Du nutzt diese Bühne also nur für dein Thema Pflege«, sagt der Reporter. »Wie findet Miss Germany das denn so?« Max Klemmer, der alle Vorstellungen still beobachtet hat, ruft: »Geil!« Dann steht er auf: »Das, was euch hier gesagt wird, sind Vorschläge. Empowering authentic women, ihr entscheidet.« Die Frauen nicken.

Eigentlich hatte Max Klemmer studieren wollen, raus aus Oldenburg, weg vom Familienunternehmen. Doch dann sagte sein Großvater: »Max, in drei Jahren bin ich vielleicht nicht mehr da. Lern von mir, solange du noch kannst.« Das ist gut fünf Jahre her, und Horst Klemmer ist immer noch da. Während der Großvater die Verträge mit den Einkaufszentren per Handschlag besiegelte, setzt der Enkel auf den Wert von Likes und Followern. Er traf auf Menschen, die dem Wettbewerb und dessen Frauenbild so gar nichts abgewinnen konnten. Und er spürte: Das bedrohte die Existenz der Miss Germany Corporation. Das neue Image soll Miss Germany wieder »relevant und begehrenswert« machen. Für Frauen, setzt Max Klemmer hinzu. »Die Männer müssen lernen, dass sich nicht alles um sie dreht.«

Viele Missen wirken, als könnten sie selbst noch nicht glauben, dass das Normkorsett gelockert sein soll. Sie rauchen heimlich, bedanken sich übermäßig oft und gehen stets früh ins Bett. Sie schauen sich schuldbewusst nach Ines Klemmer um, wenn sie kleckern. Sie fragen Max, ob sie ihre Jacke anlassen dürfen. Und er sagt wie immer: »Wenn du das willst.«

Anfang Dezember saßen alle Jurymitglieder in einem Konferenzraum des Bauer-Verlags in Hamburg, um eine Miss für jedes Bundesland auszuwählen. Vor ihnen auf dem Tisch: Schokoriegel und Klebepunkte für die Abstimmung. Die Jury, das sind Max, Ralf und Ines Klemmer, Angela Meier-Jakobsen, Chefredakteurin von vier Frauenmagazinen. Außerdem stimmberechtigt: drei Mitarbeiterinnen der MGC, alle höchstens 25 Jahre alt.

Statt für Schönheit sollen die neuen Missen jetzt für Themenfelder stehen wie: Beauty & Care, Family & Friends, Better Tomorrow & Sustainability. Botschafterinnen für Schönheit und Mode, Gesundheit, Familie, Nachhaltigkeit und Essen. Themen, die auch Instagram bestimmen, bildstark und unverfänglich.

Statt über Einkaufszentren, die Geld zahlten, weil die Wahlen Publikum anlockten, finanziert sich die Firma nun über Markenpartnerschaften. Schuhe, Haarspray oder Proteinkapseln werden mit den Missen fotografiert und auf Instagram erwähnt. Die Missen werden Influencerinnen.

Als Max Klemmer das Foto einer jungen Frau mit sehr langen, sehr blonden Haaren an die Wand warf, sagte er: »Sehr warmherzig, sehr offen. Mal eine normale Frau.« Theresa Schultheiß ist eine von 256 Frauen aus allen Bundesländern, die die Jury vorausgewählt und nach Hamburg eingeladen hatte. Es waren Frauen dabei, die von ihrer Magersucht erzählten. Frauen mit Tattoos, Narben, Kleidergröße 44. Women of Colour. Aber natürlich auch: schlanke, blonde, makellose.

Die Chefredakteurin betrachtete Theresa Schultheiß’ Foto und erklärte, dass man auch eine Verantwortung habe: Wenn alle Teilnehmerinnen jetzt nicht nur schön seien, sondern auch noch eine riesige Persönlichkeit hätten, wie fühlten sich dann die Normalen?

Theresa Schultheiß würde später erzählen, sie sei von Klassenkameraden so heftig gemobbt worden, dass sie viermal die Schule gewechselt habe, weil man sie für »blond und blöd« hielt. Und bei Miss Germany mache sie mit, um das Klischee endlich hinter sich zu lassen.

In der Endauswahl für Niedersachsen: Christin Stalling, 28 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und Immobilienmaklerin in Vollzeit. Sie habe nur 1700 Follower, sagte Ralf Klemmer, aber von allen den besten Wert beim Online-Voting, das die MGC organisiert hat. »Sie scheint viele Menschen zu bewegen. Sie ist authentisch«, sagte die Chefredakteurin.

»Außerdem brauchen wir doch noch jemanden für Food«, warf Ralf Klemmer ein. »Bestimmt backt die gerne.« Alle lachten, und so wurde Christin Stalling Miss Niedersachsen.

Am Ende des Tages in Hamburg gab es 16 neue Missen: eine Vizemeisterin im Damen-Motocross, eine Ingenieurin, Models, Unternehmerinnen, eine Krankenschwester, eine Influencerin, eine angehende Heilpraktikerin. Die Jüngste ist 18, die Älteste 35. Sie studieren Soziale Arbeit, Modedesign, Wirtschaftsrecht, Innenarchitektur und Film, zwei haben Kinder. Eine mit Kleidergröße 44 ist nicht dabei. »Wir können ja keine nur deswegen nehmen, weil sie mehr wiegt«, sagt Max Klemmer.

Kurz darauf fahren die Klemmers mit der aktuellen Miss Germany Nadine Berneis durch Deutschland und überraschen die Gewinnerinnen auf der Arbeit, im Schlafanzug oder am Bahnhof.

Eine Woche im Europapark, eine Woche in Ägypten, noch eine Woche im Park und dann das Finale. Für drei Wochen muss das Leben pausieren: Urlaub nehmen, die Kinder abgeben, Klausuren vorziehen oder alles so organisieren, dass sie sich nach den Tagen, die von 7 bis 22 Uhr gehen, noch um ihr Business kümmern können.

Es gibt Workshops über Social Media und Selbstliebe, über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über Authentizität. Ines Klemmer hält ihren Knigge-Kurs. Und Max Klemmer beginnt seine Eröffnungsrede mit den Worten: »Wir sind nicht Germany’s next Topmodel.« Und endet mit: »Ihr seid coole Frauen, ihr müsst euch nicht verstellen.«

Nur bei den Zeitungen in Deutschland scheint das neue Konzept sich noch nicht herumgesprochen zu haben: Sie berichten über die Schönste aus Rheinland-Pfalz oder die hübscheste Hamburgerin. »Das nervt so. Es geht doch nicht mehr um die Schönste«, sagt Max Klemmer. »Aber die wollen alle Bikinibilder.« Doch die Missen sollen nie wieder bloß schmuckes Beiwerk sein. »Die Frauen können jetzt nicht mehr als Losfee gebucht werden. Wenn überhaupt, sind sie Laudatorinnen.« Sonst lehne die MGC dankend ab.

Um sieben Uhr morgens sitzen die ersten Teilnehmerinnen im Camp in Ägypten in der Maske, einem umfunktionierten Frühstücksraum. Es riecht blumig-sauber, ein Föhn surrt. Das große Shooting, die Bilder fürs Finale, macht ein Fotograf, der sich vorstellt mit: »Ich liebe Frauen.« Es gibt kein Make-up, nasse Haare, übergroße Hemden und Jacketts statt Kleidern. Schwarz-weiße Fotos ohne Retusche. Immer wieder muss er sie erinnern: »Bitte nicht modeln.«

Leonie von Hase, die Älteste, will keine neue Influencerin sein. Auf ihrem extra für Miss Germany angelegten Instagram-Account hat sie gerade mal 460 Follower. Zehn Jahre lang war sie Model. Seit sie Miss Schleswig-Holstein ist, lässt ihre Agentur den Vertrag ruhen. Sie will nicht mit den Klemmers zusammenarbeiten. »Ich weiß nicht, ob es einen Platz für eine 35-jährige Frau gibt, die kein Model und keine Influencerin sein will«, sagt von Hase.

Und über den Bild  Reporter vom ersten Abend: »Ich bin für ihn der schlimmste Typ Frau. Selbstbewusst, meinungsstark und gebildet. Und dann auch noch schön und sexy. Er hat keine Ahnung, wie er damit umgehen soll, deswegen ist sein einziger Ratschlag: weniger Selbstbewusstsein.«

Warum macht sie hier mit? Sie glaube an die Idee von Max, sagt von Hase. Und damit es nicht nur eine Idee bleibt, brauche er Frauen wie sie.

Auch Jessica Bisceglia modelt seit zehn Jahren. »Ich habe die Wahlen immer geguckt, ich wollte immer mitmachen«, erzählt sie. Sie hat einen Bachelor in Molekularer und Technischer Medizin, für ihren Master hat sie nach einer Methode geforscht, mit der man Mikroplastik aus dem menschlichen Körper entfernen kann. »Meine Mitschüler und Kommilitonen haben mir immer gesagt, dass ich bei Vorträgen inkompetent wirke.« Inzwischen sei ihre Angst, vor Menschen zu sprechen, riesig. Auch deshalb habe sie sich beworben. »Ich will das endlich überwinden.« In einem Hotel wurde sie zur Miss Schwarzwald gewählt. Nach drei Wochen rief Horst Klemmer an und sagte, dass man nun alles anders mache und sie sich noch mal bewerben müsse. Letztlich hat sie es gleich zweimal geschafft. Danach hat Horst Klemmer Jessica noch mehrmals angerufen und gefragt, wie sie das alles finde. Und sie sagt: »Es ist so schön, zu hören, dass man eine tolle Persönlichkeit hat, statt immer nur ein hübsches Äußeres.«

Die Missen sitzen beim Abendessen. Hummus, Pasta, libanesisches Hähnchen und Baklava, die meisten gehen dreimal zum Buffet. Das Hotel ist fast leer, bis auf ein paar grauhaarige Golfer, die die Frauen grinsend begrüßen.

»Im Jahr, als Ines Miss Germany geworden ist, wurden die Teilnehmerinnen öffentlich gewogen.«

»Wie krass.«

»Wie demütigend.«

»Ich verstehe nicht, wie man dabei mitmachen kann.«

»Sie haben dann gesagt, wie viel jede abnehmen muss.«

»So was darf mir niemand sagen.«

Danach erklärt eine Expertin für Influencer-Marketing den Frauen, wie man zu einer digitalen Marke wird. In der Bar am Hafen, umgeben von beinahe mehr Kameras als Teilnehmerinnen, erzählt sie, wann man am besten auf Instagram poste – frühmorgens – und dass das Frauenbild im Internet immer noch sehr konservativ sei: »Heiraten, Kinder und alles, was dünner macht, funktioniert leider immer noch am besten. Also genau das, was ich euch gerade versuche auszutreiben.« Sie zeigt ihnen zwei Accounts: Der eine hat drei Millionen Follower, der andere 600.000. »Die eine ist immer nackt«, sagt die Expertin. Es ist die mit den drei Millionen. »Wenn Bikini oder Nacktheit für euch zu einem modernen Frauenbild und zu Feminismus gehört: go for it. Aber denkt dran, dass euch ein Fußballstadion zuguckt.«

Am nächsten Morgen wird zum ersten Mal mit einem Choreografen fürs Finale geprobt. Jimmie trägt Jogginghose, Hoodie. Gleich wird er sich High Heels in Größe 46 anziehen: »Ich muss doch wissen, was ich ihnen da beibringe.« Die Missen tragen zu ihren High Heels Leggins und Sport-BHs. Was früher Catwalk-Training war, heißt jetzt Performance. »Zelebriert eure Weiblichkeit«, sagt Jimmie. »Sich gut zu finden heißt nicht, arrogant zu sein.« Die Frauen klatschen. Bevor sie laufen, sollen sie sich einander gegenüber aufstellen und sich einfach nur in die Augen schauen. Minutenlang. Erst lachen sie, dann fließen den ersten Tränen über die Wangen. Sie weinen und gucken sich weiter an.

Beim letzten Abendessen in Ägypten, im extra aufgebauten Beduinenzelt, kommen alle noch einmal mit ihrer Schärpe auf die Bühne, stellen sich vor und bedanken sich bei den Klemmers, den Marken-Partnern, den Coaches. Miss Thüringen, die mit dem Bob, sagt: »Danke an die Girls! Wir alle sind die New Miss Germany, nicht nur eine von uns. Wir!« Und Leonie, die Älteste, sagt: »Hier fängt es an: Frauen, die sich vernetzen und unterstützen. Auf uns!«

Max Klemmer sagt: »So einen Zusammenhalt gab es noch nie. Noch nie, nie.«

Am kommenden Samstag wird die neue Miss gewählt. Wird die erste Mutter Miss Germany? Die erste Schwarze? Die Gründerin oder die Spitzensportlerin? Die Wahl ist für Max Klemmer vielleicht wichtiger als für die Frauen.

Zum ersten Mal ist die Jury eine rein weibliche, verkündet die MGC. Die Moderatorin Frauke Ludowig, die CSU-Politikerin und Miss Germany 1977 Dagmar Wöhrl, die Karatekämpferin Anna Lewandowska und die Coaches aus dem Camp werden vor der Bühne sitzen und ihr Urteil abgeben. Doch hinter der Bühne werden zwei weitere Menschen mit entscheiden: Ralf und Max Klemmer. Es ist ihr Geburtsrecht.

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